Archiv für den Autor: Inke Raabe

Wie die Zeit vergeht!

Ich finde es faszinierend, dass für Kinder die Zeit langsamer zu vergehen scheint und je älter wir werden, desto mehr scheint die Zeit zu rasen. Wer hat nicht schon mal gedacht: „Diese Zeit ging aber schnell vorbei!“ oder „Das ist wirklich schon ein Jahr her?“ Kinder lernen so viel Neues, erfahren und entdecken ihre Welt und erleben diese Zeit ganz intensiv. Deshalb kommt ihnen die Zeit auch langsamer vor. Außerdem können wir Erwachsenen ja schon auf mehr Lebensjahre zurückblicken als Kinder.Ein ähnliches Phänomen kennen wir aus dem Urlaub: die zweite Hälfte des Urlaubs scheint viel schneller zu vergehen als die erste, denn wir kennen schon die Räumlichkeiten und den Weg zum Strand.
Albert Einstein sagte einmal: „Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.“
Egal, wie wir unsere Zeit füllen, wie wir sie erleben und was wir für wichtig erachten, in Psalm 31 heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Gott begleitet uns in unserer Lebenszeit, möge sie für uns objektiv auch langsam oder schnell vergehen.
Diakonin Heike Neumann, Kirchspiel Eider

Von Liebe und Würde

Im Verborgenen tun Menschen für andere unendlich viel, ohne ein Aufhebens davon zu machen. Ich denke an alle, die lange Zeit einen Angehörigen auf dem Weg durch eine Krankheit begleiten, die einfach da sind und ganz selbstverständlich tun, was sie können, bis zum Ende. Dabei kann es mitunter sein, dass sie eine Idee haben, wie sie ihren Lieben eine Freude machen können und einfach ihrer Intuition folgen, koste es was es wolle.
Das Markusevangelium erzählt die Geschichte einer Frau, die weiß, dass Jesus nicht mehr viel Zeit bleibt bis zu seinem Tod. So nimmt sie das Kostbarste, das sie besitzt: ein Fläschchen Nardenöl, sehr teuer, und sie geht und salbt Jesus das Haupt – wie einem König.
Sie erntet dafür Kritik. Aber Jesus nimmt sie in Schutz und sagt: „Sie hat getan, was sie konnte. Überall, wo das Evangelium gepredigt wird, da wird man auch von ihr erzählen.“
Die Frau konnte Leiden und Tod nicht verhindern, aber sie hat einen Akzent der Liebe, der Würde, des Glanzes gesetzt. Mit ihr würdigt Jesus zugleich all die Menschen, die bis heute aus Liebe für andere tun, was sie können.
Pastorin Marlies Rattay, St. Annen und Schlichting

Wer zuletzt lacht

Manchen gilt der 1. April als Geburts- oder Todestag von Judas, der Jesus verraten hatte. Mit Judas betreten wir den Leidensweg Jesu, die Passion. Am Ende landet Jesus am Kreuz. Kein Scherz. Ein Aprilscherz schon gar nicht. Bis zuletzt hofften seine Freunde, er werde hinabsteigen vom Kreuz. Jesus kann nicht sterben, so dachten sie. „Steig herab“, so sagten auch seine Gegner und verspotteten ihn. Wenn er das doch nur täte, seine Macht demonstrieren, unsterblich und unbesiegbar. Dann wäre alles nur ein böser Scherz. Doch es kam anders: Jesus starb am Kreuz. Der Sohn Gottes erfuhr und erlitt jedes menschliche Leid, bis hin zum Tod. Wahrer Mensch. Das eigentliche Wunder, das wirklich Neue kam erst drei Tage später. In Jesu Auferstehung siegte das Leben über den Tod. Wahrer Gott. Und Jesu Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“. Oder anders gesagt, heute am 1. April: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Prädikant Michael Warnck, Nindorf

Aus Fleisch und Blut

Wenn du dir überlegst, wie du gern wärst, brauchst du doch nur … Jetzt nicht? Vielleicht morgen. Dein Herz ist leer? Der Kopf zu voll. Schnitt und Schluss. Lieber fragst du andere. Wenn du sie dann nach ihrem Leben fragst, wie neulich bei dem am Tresen, dann kriegst du auch nur den Schmerz zu hören. Zwischen ein paar Bier wirst du mutig. Fragst, mit wem er sich verbunden fühlt. Und dann? Seine Frau ist ihm abgehauen. Woran liegt es bloß, dass alle Geschichten vom Zusammen gehören immer nur vom Getrenntsein erzählen? Wenn das Gespräch beim Chef auch nur das übriglässt: Hoch gelobt und trotzdem tief gefallen. ´Zig Dinge machst du wirklich toll, sagt er, aber dieses Eine, das musst du noch verändern. Woran bleibst du hängen? Doch an dieser einen Sache. Aber sage mir doch mal: Warum bringst du deine Tage und Nächte damit zu, gegen dich selbst zu kämpfen? Warum bist du immer dabei, alles an und in dir zu vermessen. Den Vorsprung zu dem vor dir und dem dahinter. Wer gibt dir das Maß dafür vor? Doch du nur selbst. Versteck dich nicht dauernd vor deiner Verletzlichkeit. Sie ist nämlich der Keim von Freude, Kreativität, von Zusammengehören. Glaube mir, dein Leben, es ist ganz groß. Weil es Leben ist. Und zwar Deins. Nicht das von anderen. Worauf wartest du? „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“, heißt es doch.
Pastorin Ina Brinkmann, Meldorf

Blick nach vorne

„Siehste!“ – dieses Wort, richtig betont, kann vernichtend sein. Fehlt nur noch: „Das hab‘ ich dir ja schon immer gesagt!“ Die Person, die so spricht, wird fünf Zentimeter größer. Die andere möchte sich am liebsten im Boden versinken…
Auf die Sichtweise kommt vieles an, im Nachhinein ist man immer klüger. Schade nur, wenn jemand seine Sichtweise benutzt, um damit Macht über den anderen auszuüben, ihn als Blindfisch bloßzustellen: „Meine Sicht ist richtig, und deine ist falsch.“ Fehlt bloß noch die lange Nase aus Kindergartenzeiten.
Jesus betont: Jeder Mensch ist für seine Sichtweise selbst verantwortlich. In Gottes Wirkungsbereich lohnt es sich, nicht zurück, sondern nach vorn zu schauen – denn da sind längst schon gute, gangbare Wege bereitet. Weil Gott den Über-Blick hat. Wenn ich mich ihm anvertraue, haben die Spötter wenig Chancen, mir eine lange Nase zu zeigen. Eher kann es sie nachdenklich machen, wenn es mit dem Wochenspruch für die neue Woche heißt: „Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“
Jesus möchte unseren Blick befreien, dass er nicht an vergangenen Fehlern kleben muss. Mit Gott geht der Weg weiter, nach vorn – auch in der kommenden Woche.
Harald Meyenburg, Pastor in Wesselburen und Neuenkirchen

Bevor ich sterbe

„Before I die I want to…“ – „bevor ich sterbe, möchte ich…“ steht in großen Buchstaben auf einer Mauer, und darunter haben Menschen in bunter Schrift den Satz vervollständigt. Ein Kunstprojekt lädt Menschen ein, über ihr Leben nachzudenken. Zuerst von einer Künstlerin in New Orleans erstellt, gibt es heute über 2000 Mauern auf der ganzen Welt. „Bevor ich sterbe, möchte ich…“ Große Wünsche wie Weltreise und Lottogewinn stehen neben dem Traum vom Frieden und der Hoffnung auf Liebe und alltägliche Kleinigkeiten.
Wovon träumst Du? Was wünschen Sie sich?
So vieles liegt nicht in meiner Hand, und die Erfüllung mancher Träume kann mir nur geschenkt werden. Mein Blick richtet sich auf die schlichteren Wünsche: Bevor ich sterbe, möchte ich ein Musikinstrument spielen lernen, mit meinem liebsten Menschen Zeit verbringen, jedem, dem ich begegne, ein Lächeln schenken. Was schlicht klingt, kann schwer sein: noch einmal mit meinem Vater sprechen und meinem Bruder verzeihen.
Gerade weil ich nicht weiß, wieviel Zeit mir bleibt, um zu erleben, was ich mir wünsche, will ich jeden Tag aus Gottes Hand nehmen, tun, was ich kann, und loslassen, was nicht in meiner Hand liegt.
Pastorin Annegret Thom, Kirchengemeinde Weddingstedt

Ich war das nicht!

Das ist schon großes Kino, was uns die Bibel im 1. Buch Mose liefert: In flagranti erwischt der Allmächtige seinen beiden ersten Menschenkinder. Adam und Eva haben von dem Baum genascht, von dem zu essen er ihnen verboten hatte. Und dann schieben sie die Schuld wie Kleinkinder von einem zum nächsten: „Die Schlange war’s“, sagt Eva, „die hat mich verführt.“ Und Adam setzt noch einen drauf: „Die Frau, die du mir gegeben hast, die hat mich überredet.“ Kein Wunder, dass dem Schöpfer der Kragen platzt. Er jagt sie aus dem Paradies, alle drei.

Die Geschichte vom Sündenfall ist ein uralter Mythos von Schuld und Scham, von Erkenntnis und Macht, von Mann und Frau – und letztendlich von dem nicht umkehrbaren Verlust des paradiesischen Urvertrauens. Sie will erklären, warum Kinderkriegen so weh tut, warum wir so hart arbeiten müssen für unseren Lebensunterhalt und warum Mann und Frau es manchmal schwer miteinander haben. Und gleichzeitig hält sie an der Idee fest: Es war einmal anders, und eines Tages wird es wieder so sein, wie Gott es sich für seine Menschenkinder gewünscht hat.

Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen

Martha, ihm schmeckts nicht!

„Maaar-ta, weißt du, wer hier is’ …“
„Jaha, hab’ ihn schon begrüßt. Toll, nicht?“
„Ich kümmere mich mal ´nen bisschen um den Herrn, ja?“
„Mach das, Maria!“
„Marta, wenn du mal endlich mit dem dauernden Topfgeklapper aufhören könntest, wir können uns gar nicht richtig unterhalten … hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht. Am besten, ich mach’ mal die Küchentür zu. Das kann man ja nicht mit ansehen, wie du dich abrackerst.“
„Hör mal, Maria, kannst du mir nicht mal helfen? Meister, sag’ du doch, dass meine Schwester mir helfen soll!“
„Was soll das, Marta, erst soll ich mich um unseren Gast kümmern, und jetzt muss ich auch noch Töpfe schleppen?“
„Wie? Und ich kümmere mich nicht? Ah ja, aber gleich, wenn die Kohlsuppe auf dem Tisch steht, dann bist du wieder die Erste, liebes Schwesterherz …“
„Marta, hast du sein Gesicht gesehen? Kohlsuppe schmeckt ihm nicht! Ich sag’ es dir!“
„Aber, dass du ihm an seinen Lippen hängst, meine liebe Maria, das schmeckt ihm, was?“
„Was ist wohl wichtiger, kochen oder zuhören?! Er hätte sich ja gleich an deinen Herd setzen können, wenn er gewollt hätte.“
„An wen wird sich Jesus später wohl erinnern, an dich mit deiner Anhimmelei oder an meine Suppe?“

„Wisst Ihr was, meine Damen? Hört auf herum zu zicken. Wenn Kohlsuppe, dann Kohlsuppe. Wenn Gottes Seelenkost, dann das. Das Eine ohne das Andere geht aber nicht. Merkt es euch.“

Konfis auf der Kanzel

Konfis auf der Kanzel. Vorstellungsgottesdienst. Sie haben sich Gedanken gemacht zum barmherzigen Samariter. Das war der Mann, der einem Unbekannten half, der überfallen worden war. Und sie legen los mit einer Predigt:

„In der Geschichte stellt einer die Frage: Wer ist mein Nächster? Für mich sind meine Nächsten meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister, Verwandte und enge Freunde. Wenn es einem von ihnen schlecht geht, setzt man sich für sie ein und kümmert sich um sie.“ Und weiter predigen sie: „Wir haben die Feststellung gemacht, dass Gott durch uns Menschen hilft.“ Am Ende erzählen sie der Gemeinde von ihrer Entdeckung, dass man manchmal auch ungefragt zum Nächsten wird. „Man kann es sich nicht aussuchen, wer sein Nächster ist. Gott hat uns sein Vertrauen gegeben füreinander da zu sein und sich gegenseitig zu helfen.“

Die Gemeinde und ich sind erstaunt. Nächstenliebe auf den Punkt gebracht. Vielleicht ja auch im Konfivorstellungsgottesdienst in Ihrer Gemeinde?

Pastorin Bettina Fritsch, Kirchengemeinden Weddingstedt/Pfarrbezirk Wesseln und Heide

Danke

Das Dankelied gehört zu den bekanntesten Liedern des Evangelischen Gesangbuchs. Martin Gotthard Schneider komponierte es 1961 für einen Wettbewerb mit dem Thema Neues Geistliches Lied. Seitdem wurde es unzählige Male zunächst auf Matrize gezogen, später fotokopiert und immer wieder von Orgel, Klavier oder Gitarre begleitet mit Leidenschaft gesungen. Geadelt wurde es durch die Punkband „Die Ärzte“, die das Stück auf ihre sehr eigene Weise interpretierten.
Wir Kirchenleute haben es ein bisschen über: Es gibt Varianten für Trauerfeiern, Hochzeiten und Taufen. Konfis lieben es, mit diesem Stück für alles Mögliche und Unmögliche zu danken. „Danke für diesen schönen Kühlschrank“, oder „Danke für meine Katze Petra“, und sie freuen sich diebisch an den ratlosen Blicken ihrer Pastorinnen und Pastoren ob dieser ungebändigten Kreativität.
Nun ist Martin Gotthard Schneider gestorben. 86 Jahre wurde er alt. Sein Lied wird uns wahrscheinlich noch einige Jahre begleiten, weil es einfach gut ist, lieber einmal mehr zu danken als einmal zu wenig.
Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen