Archiv für den Autor: Inke Raabe

Ich war das nicht!

Das ist schon großes Kino, was uns die Bibel im 1. Buch Mose liefert: In flagranti erwischt der Allmächtige seinen beiden ersten Menschenkinder. Adam und Eva haben von dem Baum genascht, von dem zu essen er ihnen verboten hatte. Und dann schieben sie die Schuld wie Kleinkinder von einem zum nächsten: „Die Schlange war’s“, sagt Eva, „die hat mich verführt.“ Und Adam setzt noch einen drauf: „Die Frau, die du mir gegeben hast, die hat mich überredet.“ Kein Wunder, dass dem Schöpfer der Kragen platzt. Er jagt sie aus dem Paradies, alle drei.

Die Geschichte vom Sündenfall ist ein uralter Mythos von Schuld und Scham, von Erkenntnis und Macht, von Mann und Frau – und letztendlich von dem nicht umkehrbaren Verlust des paradiesischen Urvertrauens. Sie will erklären, warum Kinderkriegen so weh tut, warum wir so hart arbeiten müssen für unseren Lebensunterhalt und warum Mann und Frau es manchmal schwer miteinander haben. Und gleichzeitig hält sie an der Idee fest: Es war einmal anders, und eines Tages wird es wieder so sein, wie Gott es sich für seine Menschenkinder gewünscht hat.

Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen

Martha, ihm schmeckts nicht!

„Maaar-ta, weißt du, wer hier is’ …“
„Jaha, hab’ ihn schon begrüßt. Toll, nicht?“
„Ich kümmere mich mal ´nen bisschen um den Herrn, ja?“
„Mach das, Maria!“
„Marta, wenn du mal endlich mit dem dauernden Topfgeklapper aufhören könntest, wir können uns gar nicht richtig unterhalten … hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht. Am besten, ich mach’ mal die Küchentür zu. Das kann man ja nicht mit ansehen, wie du dich abrackerst.“
„Hör mal, Maria, kannst du mir nicht mal helfen? Meister, sag’ du doch, dass meine Schwester mir helfen soll!“
„Was soll das, Marta, erst soll ich mich um unseren Gast kümmern, und jetzt muss ich auch noch Töpfe schleppen?“
„Wie? Und ich kümmere mich nicht? Ah ja, aber gleich, wenn die Kohlsuppe auf dem Tisch steht, dann bist du wieder die Erste, liebes Schwesterherz …“
„Marta, hast du sein Gesicht gesehen? Kohlsuppe schmeckt ihm nicht! Ich sag’ es dir!“
„Aber, dass du ihm an seinen Lippen hängst, meine liebe Maria, das schmeckt ihm, was?“
„Was ist wohl wichtiger, kochen oder zuhören?! Er hätte sich ja gleich an deinen Herd setzen können, wenn er gewollt hätte.“
„An wen wird sich Jesus später wohl erinnern, an dich mit deiner Anhimmelei oder an meine Suppe?“

„Wisst Ihr was, meine Damen? Hört auf herum zu zicken. Wenn Kohlsuppe, dann Kohlsuppe. Wenn Gottes Seelenkost, dann das. Das Eine ohne das Andere geht aber nicht. Merkt es euch.“

Konfis auf der Kanzel

Konfis auf der Kanzel. Vorstellungsgottesdienst. Sie haben sich Gedanken gemacht zum barmherzigen Samariter. Das war der Mann, der einem Unbekannten half, der überfallen worden war. Und sie legen los mit einer Predigt:

„In der Geschichte stellt einer die Frage: Wer ist mein Nächster? Für mich sind meine Nächsten meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister, Verwandte und enge Freunde. Wenn es einem von ihnen schlecht geht, setzt man sich für sie ein und kümmert sich um sie.“ Und weiter predigen sie: „Wir haben die Feststellung gemacht, dass Gott durch uns Menschen hilft.“ Am Ende erzählen sie der Gemeinde von ihrer Entdeckung, dass man manchmal auch ungefragt zum Nächsten wird. „Man kann es sich nicht aussuchen, wer sein Nächster ist. Gott hat uns sein Vertrauen gegeben füreinander da zu sein und sich gegenseitig zu helfen.“

Die Gemeinde und ich sind erstaunt. Nächstenliebe auf den Punkt gebracht. Vielleicht ja auch im Konfivorstellungsgottesdienst in Ihrer Gemeinde?

Pastorin Bettina Fritsch, Kirchengemeinden Weddingstedt/Pfarrbezirk Wesseln und Heide

Danke

Das Dankelied gehört zu den bekanntesten Liedern des Evangelischen Gesangbuchs. Martin Gotthard Schneider komponierte es 1961 für einen Wettbewerb mit dem Thema Neues Geistliches Lied. Seitdem wurde es unzählige Male zunächst auf Matrize gezogen, später fotokopiert und immer wieder von Orgel, Klavier oder Gitarre begleitet mit Leidenschaft gesungen. Geadelt wurde es durch die Punkband „Die Ärzte“, die das Stück auf ihre sehr eigene Weise interpretierten.
Wir Kirchenleute haben es ein bisschen über: Es gibt Varianten für Trauerfeiern, Hochzeiten und Taufen. Konfis lieben es, mit diesem Stück für alles Mögliche und Unmögliche zu danken. „Danke für diesen schönen Kühlschrank“, oder „Danke für meine Katze Petra“, und sie freuen sich diebisch an den ratlosen Blicken ihrer Pastorinnen und Pastoren ob dieser ungebändigten Kreativität.
Nun ist Martin Gotthard Schneider gestorben. 86 Jahre wurde er alt. Sein Lied wird uns wahrscheinlich noch einige Jahre begleiten, weil es einfach gut ist, lieber einmal mehr zu danken als einmal zu wenig.
Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen

Von guten Mächten

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – Dietrich Bonhoeffer, heute am 4. Februar wäre sein Geburtstag gewesen, schickt diese Zeilen Weihnachten 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Er schreibt aus dem Gefängnis, wenige Monate vor seinem Tod. In dem Brief, dem er das Gedicht von den guten Mächten beifügt, dankt er ihr, den Eltern und Freunden – allen, von denen er weiß, dass sie in Gedanken und mit Gebeten um ihn sind. „Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig“, schreibt Bonhoeffer aus der Einsamkeit seiner Zelle. „Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“

Oft weiß ich nicht, was ich sagen soll, wenn mir jemand sein Herzeleid klagt und ich es nicht lindern kann. „Ich bete für dich“ scheint mir zu groß – „Ich denke an dich“ scheint mir zu klein. Aber die Zeilen Bonhoeffers machen deutlich, dass in großer Not beides trägt: die Gedanken und Gebete derer, die man liebt. Dietrich Bonhoeffer fühlte sich von ihnen „treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar“.

Inke Raabe, Pastorin in Dithmarschen

Lasst uns mutig und wahrhaftig sein

500 Jahre Reformation. Martin Luther schlägt seine Thesen in Wittenberg an die Kirchentür, so heißt es. Er will wachrütteln. Er will verändern. Er hat verändert: in Ehe und Familie, in Bildung, Wissenschaft, Kunst und Musik, Kirche und Gesellschaft. Daran erinnern wir in 2017. Er kämpft gegen Unrecht. Er will Freiheit für Jeden – und Wahrheit.

Die Menschen wundern sich. „Was soll das? Wer ist dieser Luther“? Es hagelt Kritik. „Selber denken“- dazu fordert Luther auf. Das stört die Obrigen. Luther ist in Gefahr. Viele rufen „Weg mit dem Mönch!“ Luther ringt um eine Antwort. Er kann nur nach seinem Gewissen handeln. Gott ist ihm eine feste Burg. Luther ist überzeugt: Am Anfang war das Wort, und Gott ist das Wort.

Luther übersetzt die Bibel. Viele Menschen können sie nun lesen. Das war Luther wichtig. Die Menschen beginnen, sich zu verändern. Das braucht Mut und Vertrauen. Das braucht Liebe. Davon singen tausende Sänger im Reformationsjahr in vielen großen Städten beim Pop-Oratorium „Luther“. Kraftvoll, fröhlich und überzeugt singen sie: „Wir sind Gottes Kinder. Keiner ist allein. Lasst uns mutig und wahrhaftig sein. Und frei“! Das steckt an, daran glauben wir. Das gilt Dir und mir.

Diakonin Annegret Steinmeyer, Klinikseelsorge WKK

 

Der Mond ist aufgegangen

„Der Mond ist aufgegangen, die gold‘nen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“ – Matthias Claudius schrieb diese Zeilen im Jahr 1779. Er hatte damals bereits ein bewegtes Leben hinter sich: Schon als Junge verlor er drei seiner Geschwister, mit gerade mal 20 Jahren schrieb er die Grabrede für seinen Lieblingsbruder Josias.

Der junge Mann fasste nicht recht Fuß im Leben, studierte zuerst Theologie, dann Rechtswissenschaften, fand aber in keinem von beiden eine Heimat. Schließlich wurde er – wie so viele, denen es ähnlich geht – Journalist und Dichter. Er war einziger Redakteur des „Wandsbeker Boten“, einer frühen Tageszeitung. Eine Seite nannte sich die „gelehrte Seite“ – und die gestaltete Matthias Claudius auf damals ungewöhnliche Art: mal mit eigenen Gedichten, mal mit einem fiktiven Briefwechsel oder kulturellen Beiträgen anderer zeitgenössischer Künstler.

Heute ist Matthias Claudius‘ Todestag – kein Festtag, nur eine kleine Notiz im Kirchenkalender. Er starb 1815 und wurde in Hamburg begraben. Sein Lied vom Mond, der nur halb zu sehen und doch so rund und schön ist, überdauerte. Es tröstet Große und Kleine vor dem Schlafengehen bis auf den heutigen Tag.

Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen

Voll werden

DSC_4026Sind Sie eigentlich noch ganz dicht? Oder haben Sie das Gefühl, dass jemand Ihnen das Wasser abgräbt? Am Anfang des Jahres wollen viele mit neuer Kraft durchstarten, – doch schon in den ersten Tagen danach weichen die guten Vorsätze. Eigentlich war so viel da und dann fühlen wir uns plötzlich wieder vollkommen leer.

Bernhard von Clairvaux sagt: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, die wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.“ Der mittelalterliche Mystiker       macht deutlich: Bevor du gibst, lass Dich erstmal volllaufen. Die Tankstelle um voll zu werden, klingt nach den Worten der Bibel so: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen“ – Jesus Christus ist gemeint. Er ist der, der uns abfüllen möchte mit Gnade und Wahrheit, mit Liebe, Kraft, Freude und Frieden. Wenn seine Worte uns erfüllen, dann fließen sie weiter – ohne, dass wir sie verlieren.

Pastor Benjamin Pohlmann, Meldorf

 

 

Ein frohes Neues!

warnckDas neue Jahr ist so jung, dass man noch täglich hört: „Ein frohes Neues!“ Doch was erwartet uns? Die Ausblicke auf das Kommende sind ohne Euphorie. Zu heftig waren die politischen Krisen der letzten Zeit. Ach, könnte man die alten Lasten nur abschütteln und neu anfangen. Es gibt jemanden, der genau das verspricht. „Seht!“, so ruft er, „da ist der, der alle Lasten auf sich nimmt!“ (Johannes 1,29). Der so ruft, heißt Johannes und ist der letzte wirkliche Prophet. Er nimmt mit uns hinein in das Evangelium von Jesus Christus. Und sagt auch „Ein frohes Neues“. Aber Johannes meint nicht nur dieses Jahr. Er meint unser Leben. Seht, ein frohes neues Leben wird kommen. All die Sehnsucht, dass die Gewalt aufhört und jedes Unrecht unmöglich ist – das wird kommen. Jesus hat die Last übernommen und trägt dieses ganze Elend von Schuld und Gewalt hinweg. Johannes sagt zu uns: „Seht dort! Mit Jesus wird alles neu!“ Wir haben doch den Hauch einer Chance. Und mehr als das – ein frohes neues Jahr!

Lass Herz regnen

Inke Raabe„Oh Herr, lass Hirn regnen!“ – mit diesem etwas unfrommen Stoßgebet mache ich mir manchmal Luft. Mal ist es der Autofahrer vor mir, der nicht schnell genug um die Kurve kommt, mal der Kollege, der einen Arbeitsauftrag nicht kapiert. Manchmal trifft es auch mich selber, wenn ich erneut in den Keller laufen muss, weil ich vergaß, was ich holen wollte.
In diesen Tagen bekommt mein scherzhaftes Stoßgebet eine ernsthafte Wendung. „Herr, lass Herz regnen!“, denke ich. Lass Herz regnen auf verstockte Islamisten, auf ängstliche Wutbürger, auf populistische Politiker. Mach doch bitte, dass sie alle vom Herzen her denken und erkennen, dass jeder Mensch ein Kind deiner Liebe ist. Mach doch, dass die Gewalt in Gedanken, Worten und Werken ein Ende nimmt.
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ – so lautet die Jahreslosung für 2017. Das klingt nach einem Neuanfang. Das klingt, als ob Gott Herz regnen lassen wolle. „Lass Herz regnen“, bete ich. Und weil Gott Spaß versteht, ergänze ich frech: „Und wenn du schon mal dabei bist, gib Hirn dazu.“
Inke Raabe, Pastorin in Dithmarschen