Der Spargel wächst

Der Johannistag ist selbst in evangelischen Gegenden in aller Munde: Es ist der 24. Juni, heute also, und gilt als Geburtstag Johannes des Täufers. Nun ist es nicht so, dass die Johannis-Kenner besonders fromme Leute wären. Es finden auch nicht landauf landab Gottesdienste statt. Kaum eine Kirchenglocke läutet zum Gedenken des Täufers. Am Johannistag endet die Spargelsaison, so banal ist das. Das ist so, damit der Spargel noch ausreichend Zeit hat, einen grünen Busch zu bilden. Vom 24. Juni bis zum ersten Frost sind es mindestens 100 Tage. Diese Zeit braucht das Gemüse, um genügend Kraft für das nächste Jahr zu sammeln. Und viele von uns sehen zu, dass sie heute noch einmal frischen Spargel kriegen, bevor wir dann wieder fast ein Jahr lang auf das kostbare Gewächs warten müssen.
Was wohl Johannes dazu gesagt hätte? Er war weltlichen Freuden nicht besonders zugeneigt, heißt es in der Bibel. Er lebte in der Wüste und ernährte sich von Heuschrecken. Den kalten Weißwein zum feinen Spargel hätte er sich nie und nimmer gegönnt, weil er sich ganz auf das Kommen des Himmelreichs konzentrieren wollte.
Sei nicht böse, lieber Johannes, nur heute noch. Es ist einfach zu lecker.
Inke Raabe, Dithmarschen

Selfies

Selfies – so heißen seit 2002 „spontane“ Schnappschüsse von sich selbst – mit dem Handy auf Armeslänge oder einem Stick aufgenommen. Jedenfalls nette Selbstbilder, die dann sehr gerne über soziale Netzwerke an Freunde rund um die Welt verschickt werden. Jesus wäre begeistert gewesen. Und eine Anleitung von ihm zum Selfie steht sogar in der Bibel:
„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ oder: „Mache erst mal ein Bild von Dir selbst, danach kannst Du auch eins von anderen machen.“ Mach ein ungeschöntes Bild von Dir, so könnte man übersetzen, lichte auch die Schwächen und Fehler ab, dann wird Dein Auge nachsichtig auf andere ruhen.
Klar, schon damals hatten die Menschen wenig Lust auf Selfies nach Jesu Art. Fehler bei anderen aufzudecken ist bis heute einfacher als Selbstkritik. Jesus rät: Barmherzig sein -zuerst mit dem anderen, dann kann man es auch mit sich selbst. Und dann klare und barmherzige Bilder machen, von anderen und Selfies auch.

Michael Warnck, Nindorf

Flieger der Herzen

Der Heilige Geist lässt sich nicht in Besitz nehmen. Er lässt sich nur teilen. Die Bibel erzählt davon. Pfingsten kam der Heilige Geist über die Jesusanhänger. Sie verstanden sich über Sprachbarrieren hinweg und waren so begeistert, dass sie begannen, ihren Glauben in die ganze Welt zu tragen. Was für ein Drive! Was für ein Spirit! So losgelöst und frei! Alle drängte es nur zu diesem: Los, mach den Himmel klar, wenn sich unsere Energie verbindet. Losgehen. An fremde Haustüren klopfen, um im Namen Jesu Einlass zu verlangen – im Namen des Friedens.
Wie wäre das, wenn sich dieser Geist wieder breitmachen würde: als Seufzer, als Luftzug, als Rausch, als Rückenwind? Herz und Seelen würden beben. Der eigene Horizont würde breiter. Ja, wir sind da, und wir wollen den Frieden teilen! Wir sind ihm auf den Fersen.

Sich zu verstehen, das ist Leben. Egal wohin, wir ziehen jetzt mit diesem Wind, hieße es dann. Wie wäre das, wenn sich zum Beispiel die lybischen Rivalen, Israelis und Pälestinenser, Türken und Kurden, Russen und Ukrainer, Griechen und Zyprioten, Nord- und Südkoreaner mit aufgeräumter Stimmung und erfreuten Mienen für einander erwärmen könnten? Das wäre es doch, oder? „Es soll nicht durch menschliche Macht und Gewalt geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht Gott“, heißt es bei Sacharja. Na gut. Na dann. Wird Zeit, dass wir’s erwarten.
Ina Brinkmann, Büsum

Gott sieht

22 Tote, mehr als 60 Verletzte – das ist die traurige Bilanz das Attentats in Mancester. Die Opfer sind überwiegend junge Menschen. Sie besuchten ein Pop-Konzert, was ist denn schon dabei? Die kleine Saffie war gerade mal acht Jahre alt, und der Täter selbst kaum mehr als ein Kind.
Am Tag danach hat der Evangelische Kirchentag in Berlin begonnen. „Du siehst mich“ ist das Motto, bezogen auf den liebevollen Blick Gottes auf seine Menschenkinder. Aber die Frage steht im Raum: Du siehst doch auch die, die solches tun! Warum lässt du es zu? Und klamm ist die Angst: Die sehen uns. Die kennen jeden Schritt. Die sind überall. Es kann jederzeit wieder passieren.
„Seht zu, dass keiner Böses mit Bösem vergelte“, so lautete die Tageslosung für Dienstag am Morgen nach dem Attentat. An Tagen wie diesen fällt auch Christenmenschen das schwer, und manch betende Hand ballt sich in Gedanken unbemerkt zur Faust. Gott sieht auch das und nimmt es nicht übel. Vergibt und liebt und mahnt zum Guten – gerade an Tagen wie diesen.
Inke Raabe, Öffentlichkeitsarbeit

Irgendwo ist Gott

Die Beiden genießen ihren Urlaub. Sie sitzen still zwischen den vielen Leuten in einem Café. Sie beobachten das fröhliche Treiben in den Gassen. Die einen zücken ihre Kameras, die anderen schlecken ihr Eis. Sie schreiben an ihre Liebsten zu Hause. Endlich Zeit haben. Einfach mal in den Tag hinein leben. Keine Termine, keine Hektik. Endlich mal die Seele baumeln lassen. Zu Hause sind sie sehr beschäftigt. Jetzt sitzen sie einfach da. Nur so. Dann besuchen sie in den Bergen ein kleines Kloster. Die letzten Kilometer gehen sie zu Fuß. Immer wieder bleiben die Beiden stehen. Manchmal brabbeln sie fröhlich los. Dann werden beide still. Im Kloster angekommen, setzen sie sich auf die Steine. Sie schauen auf das Meer. Sie blicken in die Weite. Lauschen. Stille. Atmen. Staunen. „Danke für den Tag und dies jetzt“, sagt er. Sie wundert sich. Sie schaut ihn an. Er guckt nicht zu ihr wie vorhin. „Meintest du mich?“, fragt sie erstaunt. „Ich weiß nicht, nee“, sagt er, „ich hab‘s so irgendwohin gesagt.“
Annegret Steinmeyer, Klinikseelsorge in Heide

Von Kampf und Demut

Nun ist die Landtagswahl vorüber. Es gibt – wie erwartet – strahlende Gewinner, betroffene Verlierer und solche, die sich nun aussuchen werden, auf wessen Seite sie stehen.
Vorangegangen ist dieser Wahl – wie erwartet –ein Wahl-Kampf. Es gab TV-Duelle, Spitzenkandidaten stiegen in den Box-Ring, um sich einen Schlag-Abtausch zu liefern. Nun müssen Köpfe rollen. Und mancher muss den Kopf hinhalten. Krachend ist die Niederlage.
Niemand stört sich an den Metaphern der Gewalt: Duell, Kampf, Schlagabtausch. Niemand stört sich an der Rede von Siegern und Verlierern. Und kaum jemand mahnt an, dass Gewinnen allein nicht reicht. Man muss auch demütig dienen können.
Ich denke an den Talmud: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“
Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten – eine gute Weisung, nicht nur für Politiker, aber auch.
Inke Raabe, Pastorin in Dithmarschen

Vom Himmelreich und der Politik

Sonntagabend werden wir vermutlich Nachrichtenbilder von jubelnden Menschen aus manch einer Parteizentrale sehen. Und enttäuschte oder besorgte Gesichter bei Anderen. Es sind Landtagswahlen in Schleswig-Holstein. Sie fallen auf den Sonntag, den das Kirchenjahr „Jubilate“ nennt – „Jubelt!“

Dieser Sonntag erinnert an die tiefe Freude über die Auferstehung, über Gottes Nähe, über das Himmelreich mitten unter uns. Das ist der Kern der christlichen Botschaft, Jesus erzählt in zahlreichen Gleichnissen davon. Politik sei in diesem Sinne, so schrieb der Theologe Karl Barth, „gleichnisbedürftig“ und „gleichnisfähig“. Bedürftig, weil das Himmelreich in keinem Parteiprogramm aufgeht. Aber auch fähig, sich mit dem Himmelreich, der Welt ewigen Jubels vergleichen zu lassen, damit wir prüfen und vorantreiben, was Ansätze zur Gerechtigkeit und zur Entfaltung aller Menschen birgt. Gehen wir also zur Wahl und beteiligen uns an der Politik.

Luise Jarck-Albers, Pastorin in Heide

Existiert Gott oder regiert der Zufall?

Wenn keine schöpferische Macht existiert, müsste alles was wir kennen zufällig entstanden sein. Alles Leben wäre damit ein Zufallsprodukt. Im Frühling erleben wir eine wunderbare Vielfalt an blühendem, pflanzlichem Wachstum: 300 000 Pflanzenarten gibt es weltweit – alle rein zufällig entstanden? In der Tierwelt existieren fast acht Millionen unterschiedliche Arten. Purer Zufall? Aktuell leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten – jeder eine eigene Persönlichkeit. Zufall? Ein einzelner Mensch besteht aus 1014 oder 100 Billionen einzelnen Zellen. So eine Vielfalt und Komplexität soll rein zufällig entstanden sein? Wenn ein Schöpfer existiert, dann stellt sich die Frage nach seinem Wesen. Christen glauben, dass Gott in Jesus als Mensch in diese Welt gekommen ist. Durch Jesus können wir Gottes Wesen erkennen. „Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus sagt und beschreibt sich im Johannesevangelium als der gute Hirte, der seine Schafe kennt und liebt. Gott möchte mit jedem Menschen in eine persönliche Beziehung eintreten. Gott gibt die Zusage, dass jeder der ihn sucht, ihn auch finden wird.
Andreas Breitkreuz, Kirchengemeinde Meldorf

Wie die Zeit vergeht!

Ich finde es faszinierend, dass für Kinder die Zeit langsamer zu vergehen scheint und je älter wir werden, desto mehr scheint die Zeit zu rasen. Wer hat nicht schon mal gedacht: „Diese Zeit ging aber schnell vorbei!“ oder „Das ist wirklich schon ein Jahr her?“ Kinder lernen so viel Neues, erfahren und entdecken ihre Welt und erleben diese Zeit ganz intensiv. Deshalb kommt ihnen die Zeit auch langsamer vor. Außerdem können wir Erwachsenen ja schon auf mehr Lebensjahre zurückblicken als Kinder.Ein ähnliches Phänomen kennen wir aus dem Urlaub: die zweite Hälfte des Urlaubs scheint viel schneller zu vergehen als die erste, denn wir kennen schon die Räumlichkeiten und den Weg zum Strand.
Albert Einstein sagte einmal: „Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.“
Egal, wie wir unsere Zeit füllen, wie wir sie erleben und was wir für wichtig erachten, in Psalm 31 heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Gott begleitet uns in unserer Lebenszeit, möge sie für uns objektiv auch langsam oder schnell vergehen.
Diakonin Heike Neumann, Kirchspiel Eider

Von Liebe und Würde

Im Verborgenen tun Menschen für andere unendlich viel, ohne ein Aufhebens davon zu machen. Ich denke an alle, die lange Zeit einen Angehörigen auf dem Weg durch eine Krankheit begleiten, die einfach da sind und ganz selbstverständlich tun, was sie können, bis zum Ende. Dabei kann es mitunter sein, dass sie eine Idee haben, wie sie ihren Lieben eine Freude machen können und einfach ihrer Intuition folgen, koste es was es wolle.
Das Markusevangelium erzählt die Geschichte einer Frau, die weiß, dass Jesus nicht mehr viel Zeit bleibt bis zu seinem Tod. So nimmt sie das Kostbarste, das sie besitzt: ein Fläschchen Nardenöl, sehr teuer, und sie geht und salbt Jesus das Haupt – wie einem König.
Sie erntet dafür Kritik. Aber Jesus nimmt sie in Schutz und sagt: „Sie hat getan, was sie konnte. Überall, wo das Evangelium gepredigt wird, da wird man auch von ihr erzählen.“
Die Frau konnte Leiden und Tod nicht verhindern, aber sie hat einen Akzent der Liebe, der Würde, des Glanzes gesetzt. Mit ihr würdigt Jesus zugleich all die Menschen, die bis heute aus Liebe für andere tun, was sie können.
Pastorin Marlies Rattay, St. Annen und Schlichting