Von guten Mächten

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – Dietrich Bonhoeffer, heute am 4. Februar wäre sein Geburtstag gewesen, schickt diese Zeilen Weihnachten 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Er schreibt aus dem Gefängnis, wenige Monate vor seinem Tod. In dem Brief, dem er das Gedicht von den guten Mächten beifügt, dankt er ihr, den Eltern und Freunden – allen, von denen er weiß, dass sie in Gedanken und mit Gebeten um ihn sind. „Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig“, schreibt Bonhoeffer aus der Einsamkeit seiner Zelle. „Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“

Oft weiß ich nicht, was ich sagen soll, wenn mir jemand sein Herzeleid klagt und ich es nicht lindern kann. „Ich bete für dich“ scheint mir zu groß – „Ich denke an dich“ scheint mir zu klein. Aber die Zeilen Bonhoeffers machen deutlich, dass in großer Not beides trägt: die Gedanken und Gebete derer, die man liebt. Dietrich Bonhoeffer fühlte sich von ihnen „treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar“.

Inke Raabe, Pastorin in Dithmarschen

Lasst uns mutig und wahrhaftig sein

500 Jahre Reformation. Martin Luther schlägt seine Thesen in Wittenberg an die Kirchentür, so heißt es. Er will wachrütteln. Er will verändern. Er hat verändert: in Ehe und Familie, in Bildung, Wissenschaft, Kunst und Musik, Kirche und Gesellschaft. Daran erinnern wir in 2017. Er kämpft gegen Unrecht. Er will Freiheit für Jeden – und Wahrheit.

Die Menschen wundern sich. „Was soll das? Wer ist dieser Luther“? Es hagelt Kritik. „Selber denken“- dazu fordert Luther auf. Das stört die Obrigen. Luther ist in Gefahr. Viele rufen „Weg mit dem Mönch!“ Luther ringt um eine Antwort. Er kann nur nach seinem Gewissen handeln. Gott ist ihm eine feste Burg. Luther ist überzeugt: Am Anfang war das Wort, und Gott ist das Wort.

Luther übersetzt die Bibel. Viele Menschen können sie nun lesen. Das war Luther wichtig. Die Menschen beginnen, sich zu verändern. Das braucht Mut und Vertrauen. Das braucht Liebe. Davon singen tausende Sänger im Reformationsjahr in vielen großen Städten beim Pop-Oratorium „Luther“. Kraftvoll, fröhlich und überzeugt singen sie: „Wir sind Gottes Kinder. Keiner ist allein. Lasst uns mutig und wahrhaftig sein. Und frei“! Das steckt an, daran glauben wir. Das gilt Dir und mir.

Diakonin Annegret Steinmeyer, Klinikseelsorge WKK

 

Der Mond ist aufgegangen

„Der Mond ist aufgegangen, die gold‘nen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“ – Matthias Claudius schrieb diese Zeilen im Jahr 1779. Er hatte damals bereits ein bewegtes Leben hinter sich: Schon als Junge verlor er drei seiner Geschwister, mit gerade mal 20 Jahren schrieb er die Grabrede für seinen Lieblingsbruder Josias.

Der junge Mann fasste nicht recht Fuß im Leben, studierte zuerst Theologie, dann Rechtswissenschaften, fand aber in keinem von beiden eine Heimat. Schließlich wurde er – wie so viele, denen es ähnlich geht – Journalist und Dichter. Er war einziger Redakteur des „Wandsbeker Boten“, einer frühen Tageszeitung. Eine Seite nannte sich die „gelehrte Seite“ – und die gestaltete Matthias Claudius auf damals ungewöhnliche Art: mal mit eigenen Gedichten, mal mit einem fiktiven Briefwechsel oder kulturellen Beiträgen anderer zeitgenössischer Künstler.

Heute ist Matthias Claudius‘ Todestag – kein Festtag, nur eine kleine Notiz im Kirchenkalender. Er starb 1815 und wurde in Hamburg begraben. Sein Lied vom Mond, der nur halb zu sehen und doch so rund und schön ist, überdauerte. Es tröstet Große und Kleine vor dem Schlafengehen bis auf den heutigen Tag.

Pastorin Inke Raabe, Dithmarschen

Voll werden

DSC_4026Sind Sie eigentlich noch ganz dicht? Oder haben Sie das Gefühl, dass jemand Ihnen das Wasser abgräbt? Am Anfang des Jahres wollen viele mit neuer Kraft durchstarten, – doch schon in den ersten Tagen danach weichen die guten Vorsätze. Eigentlich war so viel da und dann fühlen wir uns plötzlich wieder vollkommen leer.

Bernhard von Clairvaux sagt: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, die wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.“ Der mittelalterliche Mystiker       macht deutlich: Bevor du gibst, lass Dich erstmal volllaufen. Die Tankstelle um voll zu werden, klingt nach den Worten der Bibel so: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen“ – Jesus Christus ist gemeint. Er ist der, der uns abfüllen möchte mit Gnade und Wahrheit, mit Liebe, Kraft, Freude und Frieden. Wenn seine Worte uns erfüllen, dann fließen sie weiter – ohne, dass wir sie verlieren.

Pastor Benjamin Pohlmann, Meldorf

 

 

Ein frohes Neues!

warnckDas neue Jahr ist so jung, dass man noch täglich hört: „Ein frohes Neues!“ Doch was erwartet uns? Die Ausblicke auf das Kommende sind ohne Euphorie. Zu heftig waren die politischen Krisen der letzten Zeit. Ach, könnte man die alten Lasten nur abschütteln und neu anfangen. Es gibt jemanden, der genau das verspricht. „Seht!“, so ruft er, „da ist der, der alle Lasten auf sich nimmt!“ (Johannes 1,29). Der so ruft, heißt Johannes und ist der letzte wirkliche Prophet. Er nimmt mit uns hinein in das Evangelium von Jesus Christus. Und sagt auch „Ein frohes Neues“. Aber Johannes meint nicht nur dieses Jahr. Er meint unser Leben. Seht, ein frohes neues Leben wird kommen. All die Sehnsucht, dass die Gewalt aufhört und jedes Unrecht unmöglich ist – das wird kommen. Jesus hat die Last übernommen und trägt dieses ganze Elend von Schuld und Gewalt hinweg. Johannes sagt zu uns: „Seht dort! Mit Jesus wird alles neu!“ Wir haben doch den Hauch einer Chance. Und mehr als das – ein frohes neues Jahr!

Lass Herz regnen

Inke Raabe„Oh Herr, lass Hirn regnen!“ – mit diesem etwas unfrommen Stoßgebet mache ich mir manchmal Luft. Mal ist es der Autofahrer vor mir, der nicht schnell genug um die Kurve kommt, mal der Kollege, der einen Arbeitsauftrag nicht kapiert. Manchmal trifft es auch mich selber, wenn ich erneut in den Keller laufen muss, weil ich vergaß, was ich holen wollte.
In diesen Tagen bekommt mein scherzhaftes Stoßgebet eine ernsthafte Wendung. „Herr, lass Herz regnen!“, denke ich. Lass Herz regnen auf verstockte Islamisten, auf ängstliche Wutbürger, auf populistische Politiker. Mach doch bitte, dass sie alle vom Herzen her denken und erkennen, dass jeder Mensch ein Kind deiner Liebe ist. Mach doch, dass die Gewalt in Gedanken, Worten und Werken ein Ende nimmt.
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ – so lautet die Jahreslosung für 2017. Das klingt nach einem Neuanfang. Das klingt, als ob Gott Herz regnen lassen wolle. „Lass Herz regnen“, bete ich. Und weil Gott Spaß versteht, ergänze ich frech: „Und wenn du schon mal dabei bist, gib Hirn dazu.“
Inke Raabe, Pastorin in Dithmarschen

Weihnachten darf nicht ausfallen!

6g4a1377Nein, Weihnachten darf nicht ausfallen! Weihnachten kann gar nicht ausfallen. Selbst wenn uns nach „feiern“ rein gar nicht zumute ist. Selbst wenn sich die eigene Seele hartnäckig verweigert, weihnachtliche Gefühle zu produzieren. Selbst wenn wir das „Friede auf Erden“ der Engel der Weihnachtsgeschichte in diesen dunklen Tage nicht als Ansage hören können, sondern grade mal als dringende Bitte. Weiterlesen

Es gibt keinen Frieden, außer man tut ihn!

Ab dem 3. Advent wird in Schleswig-Holstein das Friedenslicht aus Bethlehem verbreitet. Die Pfadfinder der verschiedenen Bünde und Stämme verteilen es. Die Idee hatte vor 30 Jahren der Österreichische Rundfunk. Das Friedenslicht aus Bethlehem ist ein Symbol für den Frieden: Eine kleine Flamme kann viel Dunkelheit in Licht verwandeln. Und gleichzeitig ist sie zerbrechlich und bedarf großen Schutz. Wo Frieden sich ausbreitet, bringt er viel Gutes. Doch auch der Frieden braucht Schutz.
Jeden Tag machen wir uns Sorgen um den Frieden in der Welt und sehen die Konflikte und Kriege. Frieden macht Arbeit und ist nicht selbstverständlich – auch über die Friedensverträge und Waffenruhen hinaus. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es gibt keinen Frieden, außer man tut ihn. Das gilt im Großen, in der Politik, wie auch im Kleinen, bei uns selbst. Dort wo ich mich um Frieden bemühe, breitet er sich aus, wie das Licht aus Bethlehem, und verbreitet Licht und Wärme.
Benjamin Thom, Pastor in Weddingstedt

Kindliche Freude

Maike Engelkes„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…erst eins, dann zwei, dann drei dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür“ – gemeinsam sprechen wir dieses kleine, allen bekannte Adventsgedicht, Angehörige, Mitarbeitende und Bewohnerinnen im Pflegeheim. Ich mache eine kleine Pause und sehe in die Runde. Dann gehts weiter: „…doch wenn das fünfte Lichtlein brennt… dann hast du Weihnachten verpennt“ – viele sprechen die Worte laut mit. Und dann lachen sie voll Freude, plappern munter mit ihrer Nachbarin, ihrem Nachbarn.
Hier ist kaum jemand unter 90. Und sie sind fröhlich zusammen – die meisten jedenfalls. Da ist Frau B. Sie lebt ganz in der Gegenwart, hat klare Gedanken. Regelmäßig macht sie ihren Spaziergang, hilft denen, die Hilfe brauchen, liest vor, hakt unter, redet, denkt. Frau K. dagegen spricht nicht mehr. Sie hat es verlernt. Doch ihre kleinen kugeligen Augen werden groß und leuchtend, wenn sie nach und nach die vor ihr liegenden Marzipankartoffeln erst in ihrer Hand flach drückt und dann in den Mund steckt. „Hm“, sagt sie. Herr M. liebt die alten Weihnachtslieder. Da denkt er immer an zuhause. An früher, als er selbst noch ein Kind war. Und er fühlt sich wie ein Kind. Seit zwei Jahren ist das so. „Mama“, sagt er zwischendurch, kaum hörbar für die anderen.
Die kindliche Freude auf dieser Feier ist ansteckend. „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…“ – und alle lachen mit.
Pastorin Maike Engelke, Windbergen

Es leuchte das Licht

_mg_9554Morgen brennen schon zwei Kerzen am Adventskranz. Und in den vielen verschiedenen Häusern schauen Menschen mit unterschiedlichen Gefühlen in das Licht. Viele tun dies mit Freude, aber nicht für alle ist der Advent eine frohe Zeit, weil es auch so viel zu beweinen gibt. Und in den allermeisten Häusern gibt es Schönes und Schweres nebeneinander.
Die Adventszeit ist nicht nur für die Fröhlichen. Besonders an die Traurigen richten sich die adventlichen Botschaften von Licht, Trost und Hoffnung. „Über denen, die im Dunkeln sind, scheint es hell“, lautet das weihnachtliche Versprechen in den biblischen Verheißungen.
Und Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Gott, der sprach: Licht soll hervorleuchten aus der Finsternis, der hat auch einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“
Das Besondere an Gottes Licht ist ja, dass es einen Namen hat, dass es ein verlässliches Licht ist, das allen Dunkelheiten standhält. Die Zeit des Advent ruft uns dies ins Herzensgedächtnis.
Pastorin Marlies Rattay, Schlichting und St. Annen